Eine Japanreise

Manchmal fürchte ich, dass die Erzählungen von Bekannten, die vielen Bildbände im Regal, die unzähligen Berichte und Clips im Fernsehen oder auf Youtube dazu führen, dass das Reisen nur noch ein Abklappern tausendmal gesehener Bilder wird. Vor meiner Japanreise war es definitiv so.

Japan beschäftigt mich schon seit vielen Jahren. Mal waren es nur Berührungspunkte, mal Phasen intensiver Beschäftigung. 2006 habe ich angefangen Japanisch zu lernen. Ab 2008 war ich fast zehn Jahre im Vorstand der Deutsch-Japanischen-Gesellschaft Karlsruhe. Und war bis dahin noch nie in Japan! Die lange schon geplante Reise musste aus verschiedenen Gründen etliche Male aufgeschoben werden, aber im November 2019 war es endlich soweit.

Während der Reisevorbereitung – und ich musste mich intensiv vorbereiten, denn trotz dürftiger Japanischkenntnisse sollte es eine Individualreise werden, was zur Folge hatte, dass ich selber überlegen musste, welche der unzähligen Sehenwürdigkeiten ich besichtigen wollte; nicht genug damit, ich hatte mich mit japanischen Freunden in Hiroshima und in Kawamoto verabredet, die für mich etwas organisieren wollten, von dem ich aber nicht wußte, was genau und wie es in meine Planung passen würde – während der ganzen Vorbereitung also, hatte ich oft das Gefühl, dass ich eigentlich alles schon kenne und nur noch vor Ort als gesehen abhaken müsse.

Und dann kam Japan. Und glücklicherweise war es anders, als ich erwartet hatte. Nicht, dass die Bilder, die ich meinem Kopf hatte, nicht stimmten. Es war vielmehr so, dass bei ihnen bestimmte Dimensionen, Atmosphärisches fehlten, viel stärker fehlten, als bei meinen Reisen in Europa.

渋谷スクランブル交差点 | Shibuya Scramble-Crossing, © Peter Bauer, CC BY-NC-SA

Ich hatte schon viele Bilder und Clips der berühmten Kreuzung in Shibuya gesehen. Aber als ich dort stand, und sich die aberwitzige Geräuschkulisse der riesigen Reklamewände und die wuseligen Menschenmassen über meine Kopfbilder legten, war ich doch überrascht und überwältigt.

Apropos Geräusche: Jemand hatte mir gesagt, er vermisse die Soundscape von Tokio. Ich hatte nie recht verstanden was damit gemeint war. Das kam erst, als ich die mit Musik begleiteten Stationsansagen der Yamonote-Linie oder der Shinkansen-Züge, die Fußgängerampeln mit Vogelgezwitscher oder die Hirn-rausblasende Lautstärke einer Pachinko-Halle selber gehört habe. Und jetzt verstehe ich auch, warum Youtube voll ist mit Clips, bei denen man die Ansagen der Yamanote-Linie nachhören kann.

Nationalmuseum Tokio, Warteschlange, © Peter Bauer, CC BY-NC-SA

Dass in Japan alles perfekt organisiert sei, hatten mir schon viele Leute erzählt. Wie weit das gehen kann, habe ich am zweiten Tag vor dem Nationalmuseum in Tokio erlebt. Weil dort gerade eine Sonderausstellung gezeigt wurden, musste ich über eine Stunde anstehen. In der prallen Sonne. Die Wartezeit wurde mir zwar nicht erspart, aber ich war geplättet, als Mitarbeiterinnen des Museums kamen und Sonnenschirme an die Wartenden verteilten. Offensichtlich hat sich jemand Gedanken gemacht, wie man den Besuchern die Wartezeit erträglich machen kann. Diese Art Umsicht hätte ich am Schloss Neuschwanstein, als ich beim stundenlangen Anstehen vom Regen überrascht wurde, gut gebrauchen können!

Bucht von Miyajima mit Austernfarmen, © Peter Bauer, CC BY-NC-SA

Etwas anders war es in Miyajima. Dorthin haben meine Freunde aus Hiroshima mich mitgenommen. Von dem berühmten Itsukushima-Schrein mit seinem im Wasser stehenden roten Torii habe ich im Laufe der Jahre natürlich schon unzählige Bilder gesehen. Nun selbst dort zu stehen, während im Hintergrund von Trommeln begleiteten Gebete einer Shinto-Zeremonie zu hören waren, in der aufkommenden Dämmerung mit Ausblick auf die Lichter der Bucht von Hiroshima vom Schrein zum Hafen zurückzuschlendern oder von der Aussichtsplattform Shishiiwa unterhalb des Misen-Bergs den Blick über die Bucht von Hiroshima mit ihren vielen Inseln und Austern-Farmen schweifen zu lassen, war unglaublich. Mehr noch als das Atmosphärische war es hier die Aura des Ortes, die mir die berückende Schönheit der Landschaft erschlossen hat.

Miyajima, Abendstimmung, © Peter Bauer, CC BY-NC-SA

Aus Takayama, einem kleinen Städtchen in den Japanischen Alpen, wollte ich nicht wieder fortgehen oder wenigstens so lange bleiben, bis die Herbstfarben verloschen sind, nachdem ich den in allen Farben leuchtenden Garten eines als Museum hergerichteten Verwaltungsgebäudes der Edo-Zeit gesehen hatte. Das Beitragsbild oben zeigt diesen Garten. Das Foto ist aber nur ein blasser Abklatsch des Eindrucks vor Ort, denn es fehlt das Rascheln der Blätter im milden Herbstwind und es fehlen die gedämpften Geräuschen der müssig auf dem Boden sitzenden oder auf Socken leise herumgehenden Besucher.

Von den unzähligen kleinen Restaurants, den überdachten Einkaufsstraßen, Supermärkten und Konbinis mit unzähligen Waren, die man nicht kennt, den Souveniershops mit lokalen Spezialitäten, wunderschön verpackt allesamt, von den Getränkeautomaten, die wirklich überall anzutreffen sind, dem entspannten Reisen mit dem Shinkansen, den praktischen Hotels, den Tempeln und Schreinen, von …. Nein, ich muss hier aufhören. Von diesen ganzen Dingen, will ich hier erst gar nicht reden oder besser: noch nicht reden. Denn von allem werden ich nach und nach ausführlich berichten. Was ich aber auch immer zeigen und erzählen werde, es ist im Grunde nur eine stets sich wiederholende Aufforderung: Fahrt selber hin, es lohnt sich!

Meine vor der Reise getroffene Aussage, dass es vermutlich bei diesem einen Besuch bleiben würde, habe ich gründlichst wiederrufen müssen. Selten habe ich so falsch gelegen.

Autor: rizzolasblog

Ich bin Architekt und Organisationsentwickler. Mein Blog behandelt Themen, die mich beruflich oder privat interessieren. Meistens geht es um Agilität und Organisationsentwicklung, Literatur, Film, Architektur und Japan. Ich freue mich immer über konstruktives Feedback oder blickerweiternde Widerrede. わたしは建築家 と 組織の開発者です。 ブログの主題は、だたい敏捷性と組織開発、文学、映画、建築と日本についてです。 視野を広げる建設的なフィードバックいつでも喜んで受けています。

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