Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

Habt ihr schon einmal in einem japanischen Konbini eingekauft? Ja? Dann wisst ihr, wie man sich auf dem Heimweg zum Hotel auf diesen hellen Fleck zwischen längst geschlossenen Läden, Imbissen und Bars freuen kann. Auf diesen kleinen Laden, wo man selbst nachts noch alles bekommt, etwas Warmes oder Kaltes zu essen vielleicht, selbst frisches Sushi, Batterien, ein Ladegerät für das Handy, oder einen Geldautomat, an dem man völlig problemlos Bargeld ziehen kann.

Keiko Furukura, eine Aussenseiterin

Genau in so einem Convenience Stores, auf Japanisch so typisch auf Konbini (コンビニ) verkürzt, arbeitet Keiko Furukura als Aushilfe. Das wäre nicht erwähnenswert, wenn sie nicht schon seit vielen Jahren dort arbeiten würde. Normalerweise macht man den Job nur ein paar Monate oder wenige Jahre.

Aber Keiko ist anders. Schon als Kind hat sie erfahren, dass sie Probleme mit anderen Menschen hat, deren Gefühle nicht nachvollziehen kann. Das ist zwar anderswo auch ein Problem, in Japan aber besonders. Zu einer Gruppe gehören, Regeln befolgen, sich einordnen, den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen sind wichtige Konstituenten der japanischen Gesellschaft.

Entsprechend energisch versuchen die Eltern, Keiko zu einer normal funktionierenden Person zu machen, was aber nicht gelingt. Keiko lernt stattdessen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, indem sie ihre Gedanken verschweigt und Kontakte meidet. Mit diesem Verhaltensmuster übersteht sie die Schulzeit und Studium.

Während ihres Studium beginnt sie in einem Konbini zu jobben. Die Welt des Konbini hat zwar auch Regeln und die Anforderungen ändern sich mit den Tages- und Jahreszeiten. Aber es ist eine kleine, abgegrenzte Welt, deren Regeln für Keiko überschaubar und erlernbar sind. Die Welt des Konbini mit den vertrauten Routinen und Geräuschen geben Keiko Halt und Sicherheit. Mehr noch: Nach und nach lernt sie die Verhaltens- und Sprechweisen ihrer Kolleginnen zu imitieren und situativ einzusetzen und erweitert so Ihr Repertoire an normal wirkenden Verhaltensmustern. Damit ist sie in der Lage wenigstens pro forma Kontakte mit andern Mensch zu haben, von Zeit zu Zeit auch einmal mit Freundinnen auszugehen.

Mit zunehmenden Alter genügen diese Verhaltensmuster immer weniger. Die Frage, warum sie immer noch als Aushilfe arbeitet und sich nicht eine reguläre Arbeit sucht, kann Keiko mit Hinweis auf eine vermeintlich angegriffene Gesundheit kontern. Mit Mitte 30 immer noch Single zu sein, wird aber zunehmend ein Problem.

Gut, dass just zu dieser Zeit ein neuer Mitarbeiter im Konbini auftaucht, Shiraha. Dieser ist zwar weder gutaussehend noch sympatisch, ein Jammerlappen, um es genau zu sagen, und dazu ist auch er ein Aussenseiter, der sich auf Basis einer selbst zurechtgebastelten Theorie, die weit in die Vergangenheit reicht, der Gesellschaft entziehen will. Aber vielleicht ist er gerade deswegen die richtige Person zum Heiraten. Nicht aus Liebe natürlich – Sex miteinander zu haben ist für beide unvorstellbar, sondern um einmal mehr den Anschein gesellschafskonformen Handelns zu erwecken. Die erleichtert positive Reaktion ihrer Familie auf die neue Lebensituation scheint Keiko jedenfalls Recht zu geben. Aber trägt das auch weiter?

Ist Keiko Furukura eine Heldin?

<< Achtung Spoiler >>

Als ich das Buch gelesen habe, konnte ich es nicht beiseite legen. Aus einer Leseprobe auf Kindle wurde ein digitaler Bücherkauf und am Ende – ja, dass ist idiotisch – ein Kauf des Paperbacks für das Buchregal, was bei mir die höchste Adelung eines Buchs darstellt. Trotzdem habe ich mich gefragt, was es genau war, was mir an dem Buch so gefallen hat und warum es – auch außerhalb Japans – so erfolgreich ist.

Keiko Furukura ist keine Heldin. Ihr Verhalten trägt unverkennbar autistische Züge, kein zu unterschätzendes, aber keinesfalls allgemeines Problem. Sie ist eine unscheinbare Person, die ein kleines Leben lebt. Das ist nun wirklich keine Person, die zur Identifkation taugt – wenigstens nicht auf den ersten Blick.

Genauer besehen, könnte aber Keikos Geschichte als Chiffre für das Gefühl stehen, nicht dazuzugehören, ausserhalb der Konventionen zu stehen oder Schwierigkeiten zu haben, mit dem mitunter gnadenlosen Konformitätsdruck umzugehen. Das ist sicher etwas, was viele Menschen in Japan nachvollziehen können. Gleichzeitig ist Japan ein Land, in dem man besonders mitfühlend und integrierend mit Behinderungen umgeht.

So mag Keiko Furukura vielleicht nicht zur Identifikation taugen, aber sie hat das warmherzige Mitgefühl der Leserschaft. Wenn es ihr schließlich gelingt, sich zu einem Leben zu bekennen und durchzusetzen, dass sie glücklich und zufrieden macht, eben das einer alleine lebenden Aushilfe in einem Konbini, dann ist es egal, dass es kein glamouröses oder nach gesellschaflichen Maßstäben erfolgreiches Leben ist, egal, dass es nicht den Konventionen oder den Erwartungen der Familie entspricht. Dafür ist ein Leben, dem sie sich gewachsen fühlt, und das gönnt man ihr.

Und wenn es Keiki Furukura gelungen ist das zu erreichen, warum sollte gleiches nicht auch jeder anderen Person gelingen? In diesem Sinne ist Keiko Furukura doch eine Heldin, eben eine kleine.

Sayaka Murata: „Die Ladenhüterin“
Im Original: Konbini ningen (コンビニ人間)
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Aufbau Verlag, Berlin 2018
Aufbau Taschenbuch, 146 Seiten, 10,00 Euro

Autor: rizzolasblog

Ich bin Architekt und Organisationsentwickler. Mein Blog behandelt Themen, die mich beruflich oder privat interessieren. Meistens geht es um Agilität und Organisationsentwicklung, Literatur, Film, Architektur und Japan. Ich freue mich immer über konstruktives Feedback oder blickerweiternde Widerrede. わたしは建築家 と 組織の開発者です。 ブログの主題は、だたい敏捷性と組織開発、文学、映画、建築と日本についてです。 視野を広げる建設的なフィードバックいつでも喜んで受けています。

2 Kommentare zu „Sayaka Murata: Die Ladenhüterin“

  1. Ich hab gerade ein Bich von Murakami verschlungen. Jetzt weiß ich, was ich als nächstes lesen könnte. Ich habe nicht alles gelesen, um mich nicht zu spoilern, aber das was ich gelesen habe klingt sehr interessant. Kommt auch meine Wunschliste!

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